Jean Genet war zehn Jahre lang nicht mehr im Nahen Osten gewesen, als er 1982 während des libanesischen Bürgerkriegs am 19. September in Beirut eintrifft. Nach einer dreimonatigen Belagerung, erklären sich die PLO-Kämpfer - die in West-Beirut Zuflucht gesucht hatten - schließlich dazu bereit, den Libanon zu verlassen und sich nach Tunesien, Algerien und in den Jemen ausschiffen zu lassen. Den noch verbleibenden palästinensischen Zivilisten, wird Schutz durch eine Streitmacht aus italienischen, französischen und amerikanischen Soldaten zugesagt.
Wenige Wochen zuvor wird Beschir Gemayel, Führer der rechtsgerichteten Christen zum neuen Präsidenten der libanesischen Republik gewählt. Am 13. September beobachtet Genet den Abzug der internationalen Streitmacht. Kaum haben die Schiffe den Hafen verlassen, als tags darauf Gemayel ermordet wird. Am Morgen des 15. September rückt die israelische Armee unter Verletzung aller Vereinbarungen in Beirut ein, um „die Aufrechterhaltung der Ordnung zu gewährleisten“. Die Israelis vertreiben die letzten verbliebenen palästinensischen Soldaten. Noch am selben Abend umzingelt die israelische Armee des Palästinenserlager Chatila an der Peripherie Beiruts. Nur zweihundert Meter davon entfernt richten die Israelis in einem achtstöckigen Gebäude ihr militärisches Hauptquartier ein.
Jean Genet erlebt die Ankunft der israelischen Streitkräfte unter General Sharon hautnah mit. Als er am nächsten Tag aus dem Haus will, wird ihm von israelischen Straßenposten mitgeteilt, er dürfe sein Viertel nicht verlassen. Die rechtsgerichteten christlichen Milizen suchen nach Vergeltung für den Tod ihres Führers Gemayel, den sie palästinensischen Geheimagenten anlasten. Zwei Tage nach Gemayels Tod wird vom israelischen Generalstab der Befehl Nr. 6 ausgegeben, in dem erklärt wird, dass „das Flüchtlingslager nicht zu betreten ist und dass die Durchsuchung des Lagers nur von den christlichen Milizen und der libanesischen Armee durchgeführt wird.“
Eine kleine Einheit der christlichen Milizen, wahrscheinlich nicht mehr als 150 Mann, rückt daraufhin in Chatila ein und metzelt Männer, Frauen, Kinder und Alte nieder, während der Himmel von israelischen Mörsern und Flugzeugen hell erleuchtet wird. Da er sein Viertel nicht verlassen darf, weiß Genet noch nichts von dem Blutbad. Ja, nicht einmal die Palästinenser, die in den von Menschen wimmelnden Strassen gleich neben dem Flüchtlingslager leben, haben irgendeine Ahnung von dem Massaker, das sich drinnen ereignet. In der Nacht vom 16. auf den 17. September sickern allmählich Vermutungen durch. Zwei Tage später, am Sonntag den 19. September gegen zehn Uhr früh, kann Genet, der sich als Journalist ausgibt, in Begleitung von zwei amerikanischen Fotografen endlich das Lager in Chatila betreten. Er ist der erste Europäer, der das Gemetzel sieht. Die Bulldozer der libanesischen Armee sind dabei, die Toten eilig zu begraben, aber viele der entsetzlich zugerichteten Leichen sind noch nicht weggeschafft. Vier Stunden lang durchstreift Jean Genet unter der glühenden Sonne die schmalen Strassen. Am 22. September nimmt er das Flugzeug von Damaskus nach Paris, wo er den ganzen Oktober über an dem Essay „4 Stunden in Chatila“ arbeitet.
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