4 Stunden in Chatila – Textauszüge Teil 1







Ein Foto ist zweidimensional, der Fernsehbildschirm ebenfalls, weder das eine noch das andere können durchschritten werden.

Ein totes Kind kann zuweilen eine Strasse blockieren, so eng sind sie, fast nur spaltbreit, und die Toten so zahlreich. Ihr Geruch ist alten Leuten zweifellos vertraut: er störte mich nicht. Aber die Fliegen. Wenn ich das Taschentuch oder die arabische Zeitung, die einen Kopf bedeckten hochhob, störte ich sie. Durch meine Bewegung aufgescheucht, setzten sie sich in dichtem Schwarm auf meinen Handrücken und versuchten sich dort zu laben.

Ereignete sich das Massaker von Chatila im Flüstern oder in totalem Stillschweigen, wenn die Israelis, Soldaten und Offiziere angeblich nichts gehört haben und ihnen nicht der leiseste Verdacht gekommen ist.

Wenn man einen Toten aufmerksam anschaut, ereignet sich ein seltsames Phänomen: Die Abwesenheit von Leben in diesem Körper ist gleichbedeutend mit einer totalen Abwesenheit des Körpers oder vielmehr seinem ununterbrochenen Zurückweichen. Selbst wenn man sich ihm nähert, glaubt man, dass man ihn nie berühren wird. Erst recht, wenn man ihn betrachtet. Aber durch eine in seine Richtung gemachte Bewegung, wenn man sich dicht neben ihn niederbeugt, wenn man einen Arm verrückt, einen Finger anfasst, wird er einem plötzlich gegenwärtig und fast zum Freund.

Ich musste nach Chatila gehen, um die Obszönität der Liebe und die Obszönität des Todes wahrzunehmen. Die toten Körper haben in beiden Fällen nichts mehr zu verbergen: Stellungen, Verrenkungen, Gesten, Zeichen, selbst Stillschweigen gehört zu der Welt des einen und des anderen.

Die palästinensische Frau lag ausgestreckt auf dem Rücken; auf Bruchsteinen, Ziegeln und verbogenen Eisenträgern war sie hilflos abgesetzt oder liegengelassen worden. Das schwarze und aufgedunsene Gesicht, das gen Himmel gewandt war, ließ einen offenen Mund erkennen, der von Fliegen schwarz war, mit Zähnen, die mir sehr weiß vorkamen; es war ein Gesicht, das ohne einen Muskel auch nur zu verziehen, entweder zu grinsen oder zu lächeln oder mit einem stillen und ununterbrochenen Schrei zu schreien schien.

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