Ihre Strümpfe waren aus schwarzer Wolle, ihr rosa und grau geblümtes Kleid, das leicht hoch gerutscht oder zu kurz war, ich weiß es nicht, ließ das Obere der schwarzen und aufgedunsenen Waden sehen, die immer noch eine feine malvenfarbene Färbung hatten, der ein malvenfarbener und ähnlich violetter Ton auf den Wangen entsprach. Die Finger beider Hände waren fächerförmig gespreizt und wie mit einer Gartenschere beschnitten. Wahrscheinlich hatten Soldaten, kichernd wie kleine Mädchen und fröhlich singend, sich ihren Spaß gemacht, als sie diese Schere entdeckten und gebrauchten.
Das Zimmer enthielt vier Leichen von Männern, die auf einem einzigen Bett übereinander gestapelt waren, so als hätte jeder von ihnen den unter ihm liegenden vorsorglich schützen wollen oder als wären sie im Verwesen von erotischer Erregung befallen worden. Dieser Schilderhaufen roch sehr stark, aber er stank nicht.
Das Telefon wurde gesperrt, als die israelischen Soldaten und mit ihnen die hebräischen Aufschriften in West-Beirut einrückten. Und man musste alle Gefäße des Hauses mit Wasser füllen. Auch die Strassen um Beirut wurden gesperrt. Am Tag nach dem Einmarsch der israelischen Armee waren wir Gefangene. Kein Soldat lachte, keiner lächelte. Seitdem die Straßen gesperrt und Telefone stumm waren und mir die Verbindung zur übrigen Welt genommen war, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, Palästinenser zu werden und Israel zu hassen. Wir sind mit Israel durch zahlreiche Ströme verbunden, die uns Bomben, Panzer, Soldaten, Obst und Gemüse bringen; nach Palästina nehmen sie unsere Soldaten, unsere Kinder mit… in ständigen Kommen und Gehen, das nie aufhört, weil wir, sagen sie, mit ihnen seit Abrahams Zeiten verbunden sind, in Nachkommenschaft, in Sprache, in der selben Herkunft. Sie überfallen uns, stopfen uns voll, sie ersticken uns, möchten uns umarmen. Sie sagen, dass sie unsere Vettern sind. Sie sehen mit tiefer Betrübnis, dass man sich von ihnen abwendet. Sie müssen auf uns und auf sich selbst wütend sein.
Ich bin Franzose, doch ohne rechte Logik verteidige ich ganz und gar die Palästinenser. Das Recht ist auf ihrer Seite, weil ich sie liebe. Doch würde ich sie lieben, wenn das Unrecht sie nicht zu einem Wandervolk gemacht hätte?
Die Einsamkeit der Toten im Lager von Chatila war noch deutlicher, weil sie Posen und Haltungen einnahmen, die nicht die ihren waren. Es waren irgendwie Verstorbene. Völlig sich selbst überlassene Tote.
Die Massaker fanden nicht in Stille und Dunkelheit statt. Sie wurden von israelischen Leuchtraketen angestrahlt. Welche Feste, welche Völlereien wurden da veranstaltet, wo der Tod an den lustigen Streichen der Soldaten teilzunehmen schien, die weinselig, hasstrunken und zweifellos auch freudetrunken alles taten, um der israelischen Armee zu gefallen, die zuhörte, zuschaute, anfeuerte und rügte.
„In Chatila wurden Nicht-Juden von Nicht-Juden niedergemetzelt. Was geht das uns an?“ Ministerpräsident Begin in der Knesset.
Der Leichengeruch ging weder von einem Haus noch von einem zu Tode gefolterten aus: mein Körper, mein Wesen schienen ihn zu verströmen. In einer engen Strasse glaubte ich in einem verwinkelten Mauervorsprung einen schwarzen Boxer zu sehen, der auf dem Boden saß und sich lachend darüber wunderte, dass er K.O. war. Niemand hatte sich getraut, ihm die Lider zu schließen, seine übergetretenen Augen aus sehr weißem Porzellan blickten mich an. Den Arm erhoben, an diesen Mauerwinkel gelehnt, schien er sich geschlagen zu geben.
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