4 Stunden in Chatila – Textauszüge Teil 3







Er war ein Palästinenser, seit zwei oder drei Tagen tot. Wenn ich ihn zunächst für einen schwarzen Boxer hielt, so deshalb, weil sein Kopf sehr groß, aufgebläht und schwarz war, wie alle Köpfe und alle Leichen, ob sie nun in der Sonne oder im Schatten der Häuser lagen. Ich schritt ganz dicht an seinen Füßen vorbei. Aus dem Staub hob ich eine Oberkieferzahnreihe auf und legte sie auf das, was von einem Fensterbrett noch vorhanden war. Die Innenfläche seiner zum Himmel gereckten Hand, sein offener Mund, der Schlitz seiner Hose, deren Gürtel fehlte; soviel Nester, wo sich die Fliegen nährten.

Auf einem Stuhl saß eine Frau, von noch jungen schweigenden Frauen und Männern umgeben: sie schluchzte, war nach Art der arabischen Frauen gekleidet, sie schien sechzehn oder sechzig Jahre alt zu sein. Sie beweinte ihren Bruder, dessen Leiche die Strasse fast blockierte. Ich ging ganz nah zu ihr hin. Ich schaute sie genauer an. Sie trug eine unter dem Hals gebundene Schärpe. Sie weinte, sie beklagte den Tod ihres Bruders an ihrer Seite. Ihr Gesicht war rosa, ein Rosa, das Kindern eigen ist, beinahe gleichförmig, sehr sanft, zart – doch hatte es weder Wimpern noch Augenbrauen, und das, was ich für rosa hielt, war nicht die Hautoberfläche, sondern die durch ein bisschen graue Haut eingefasste Lederhaut. Das ganze Gesicht war verbrannt.

Mit Toten werde ich normalerweise sehr schnell vertraut, werde sogar ihr Freund: als ich die des Lagers sah, nahm ich nur mehr Hass und die Freude derer wahr, die sie getötet hatten. Ein barbarisches Fest hatte sich dort abgespielt: Raserei, Trunkenheit, Tänze, Lieder, Flüche, Klagen und Seufzen.

In Chatila sind viele gestorben, und meine Freundschaft, meine Zuneigung zu ihren verwesenden Leichen war auch deshalb so groß, weil ich sie gekannt hatte. Schwarz, aufgedunsen, durch die Sonne und den Tod in Verwesung übergegangen, blieben sie Feddayin.

Ich war vier Stunden in Chatila gewesen. In meiner Erinnerung bleiben ungefähr vierzig Leichen. Alle – ich sage bewusst alle – waren gefoltert worden.

Auf dem Rückflug von Beirut traf ich auf dem Flughafen von Damaskus einige junge Feddayin, die der Hölle entkommen waren. Sie waren sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Sie lachten. Sie werden sterben. Der Kampf für ein Land kann ein reich erfülltes, wenn auch nur kurzes Leben sein. Dafür erinnert man sich, entschied sich Achill in der „Ilias“.

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