„Kämpfen gegen das Wegsehen“
Aufgewachsen bin ich in einer sehr ambitionierten Bildungsbürgerfamilie – und das meine ich im wirklich besten Sinn. Klavier gelernt, Ballett, Cellounterricht, immer viel Anregung zum Lesen. Ich habe alles verschlungen von Fontane, Nestroy, Faulkner, Dostoyevsky, von Andersch bis Grass, Böll, Sartre und Simmel. Sicher hat auch die Nähe zu Salzburg, zum dortigen Landestheater und den Festspielen eine große Rolle gespielt. Und als ich dann nach München kam, traf ich auf Menschen, die mir künstlerisch und menschlich weiterhalfen: der Regisseur und Schauspieler Jürgen Goslar, Samy Molcho, der Dramaturg von Hanstein, der Publizist Franz J. Bautz und der unvergessene Wolfgang Büttner. Die Kombination aus Literaturstudium und Schauspielausbildung ermöglichte mir die Entwicklung von eigenen Projekten. Wahrheit und Mitfühlen, die Zuschauer über die Herzen erreichen und dadurch etwas bewegen. Ich bin froh, dass ich noch unter Martin Sperr die Rolle der Maria in seinen „Jagdszenen aus Niederbayern“ spielen durfte. Voll Komik und Ernst waren mit ihm die erfolgreichen Arbeiten zu Oskar Maria Graf und Ludwig Ganghofer, obwohl er doch schon sehr krank war. Er war ein Erlebnis für mich. Ich habe von Martin Sperr viel gelernt, nicht nur übers Schauspielen sondern auch übers Schreiben. Denn Schreiben war für mich immer wichtig, für mich gehört es zum Leben, zum Überleben. Dann die dramaturgische Arbeit an der Kammeroper „anfassen“ von Michael Armann und Hans Melzer, die Textbearbeitungen für die deutschen Uraufführungen von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ und Jean Genets „4 Stunden in Chatila“ – und natürlich auch „Die Wut in meinen Herzen“ von Ingrid Betancourt. Alles schwierige, umstrittene Themen, an die Grenzen gehend, aber immer fundiert, brillant – eine Herausforderung, teilweise für mich auch eine Mutprobe. Und jetzt bin ich mit „Privateinrichtung“ an einer für mich sehr wichtigen Station angelangt. Ein kompromißloser, harter Stoff für die Zuschauer, aber das ist mir egal. Für mich bedeutet es „Kämpfen gegen das Wegsehen“!
Gabi Heller